der Transformator
Der Newsletter für nachhaltige Transformation Made in Germany 🇩🇪
Über den Standort Deutschland wird viel geklagt. Doch Jammern bringt uns nicht weiter – Handeln schon!
Die globalen Rahmenbedingungen können wir kaum beeinflussen. Was wir beeinflussen können, ist wie gut Unternehmen digital, agil und zukunftsfähig aufgestellt sind.
In diesem Newsletter reflektiere ich wöchentlich meine Erfahrungen, Erkenntnisse und Impulse aus Digital-, Transformations- und Change-Projekten.
✔️Prägnant ✔️Praxisnah ✔️ Pro Bono.
Mein Antrieb: Viele kleine, konsequente Schritte können große Wirkung entfalten.
📣 Lass uns gemeinsam was bewegen!
🗓️ AUSGABE 18
Die Kunst des Weglassens

Foto mit KI generiert
Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von der Transformator:
In Deutschland sind wir erstaunlich gut darin, Dinge kompliziert zu machen. Nicht aus böser Absicht, sondern aus einem tief verankerten Sicherheits- und Fairnessverständnis heraus.
Es könnte sich ja jemand benachteiligt fühlen. Oder eine Ausnahme nicht berücksichtigt werden. Oder ein Fall nicht sauber genug geregelt sein…
Also passiert etwas Typisches: Für jede mögliche Sonderlage entsteht eine eigene Sonderregel. Für jede Regel ein Prozess. Und für jeden Prozess ein Dokument. Am Ende ist das System perfekt abgesichert – aber kaum noch beweglich.
Die stille Inflation der Komplexität
Mit jeder neuen Regel wächst nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Komplexität. Und irgendwann kippt das Verhältnis:
Entscheidungen dauern länger als die Arbeit selbst
Abstimmung wird wichtiger als Ergebnis
Prozesse entstehen für Prozesse
Verantwortung wird verteilt, bis sie verschwindet
Das Spannende daran: Niemand hat das so geplant. Es passiert schrittweise, fast unsichtbar. Und genau darin liegt das eigentliche Problem.
Der Kontrast: Einfachheit als Erfolgsprinzip
Ein interessanter Gegenpol dazu ist die digitale Welt: Warum war Google so erfolgreich? Nicht wegen einer Vielzahl an Funktionen – sondern wegen einer radikal einfachen Suchleiste.
Oder Apple: Produkte, die bewusst Dinge weglassen, statt sie zu ergänzen.
Und trotzdem nutzen genau die gleichen Menschen, die im Berufsalltag komplexe Systeme bauen, privat diese extrem reduzierten Produkte?
Das wirft eine unbequeme Frage auf:
Warum akzeptieren wir Einfachheit als Nutzer, aber vermeiden sie als Gestalter von Organisationen?
Die unterschätzte Kunst: Weglassen
Vielleicht ist Weglassen keine Schwäche, sondern eine der schwierigsten Managementfähigkeiten überhaupt.
Denn Weglassen bedeutet:
auf Kontrolle zu verzichten
Unsicherheit auszuhalten
Vertrauen zu erhöhen
und zu akzeptieren, dass nicht alles geregelt sein muss
Das ist kulturell anspruchsvoller als jede neue Methode oder jedes neue Tool.
Wenn Prozesse sich selbst vermehren
Ein typisches Muster in Organisationen sieht so aus:
Ein Nachfolgeprozess wird definiert – sagen wir für eine Übergabe, ein Projekt oder eine Entscheidung. Und fast immer passiert Folgendes:
Der neue Prozess enthält mehr Schritte als der alte
Es entstehen zusätzliche Prüfungen „zur Sicherheit“
Dokumentationspflichten wachsen
und niemand entfernt die alten Elemente vollständig
Das Ergebnis ist keine Weiterentwicklung, sondern eine schleichende Verdichtung.
Die eigentliche Kunst wäre hier nicht das Ergänzen – sondern das konsequente Streichen.
„Warum akzeptieren wir Einfachheit als Nutzer, aber vermeiden sie als Gestalter von Organisationen? “
Praxisbeispiel:
Bayer und die Logik des Weglassens
Ein besonders radikales Beispiel kommt aus der Industrie: Bill Anderson, CEO von Bayer AG.

Eigene Darstellung
🧠 1. Komplexität als Hauptfeind
Seine Grundannahme ist klar: Große Organisationen scheitern selten an zu wenig Ideen – sondern an zu vielen Prozessen, Ebenen und Abstimmungen.Typische Symptome:
zu viele Hierarchiestufen
Meetings statt Entscheidungen
Genehmigungen statt Verantwortung
interne Reports wichtiger als Kundennutzen
Die zentrale Verschiebung:
Arbeit dient dem System – nicht mehr dem Ergebnis.
✂️ 2. Weglassen vor Innovation
Ein zentrales Prinzip seiner Transformation: Bevor etwas Neues entsteht, muss etwas Altes verschwinden. Denn Organisationen neigen dazu, immer neue Initiativen aufzusetzen – ohne alte Strukturen zu entfernen. Das führt zu organisatorischer Überladung. Sein Ansatz ist radikal einfach:
weniger Projekte
weniger Reports
weniger Freigaben
weniger Managementebenen
Erst Entlastung, dann Innovation.
🧱 3. Neue Organisationslogik
Mit „Dynamic Shared Ownership“ führt Bayer ein Modell ein, das klassische Hierarchien hinterfragt:
kleine, autonome Teams
klare Verantwortung statt Abstimmungsschleifen
Entscheidungen dort, wo Arbeit entsteht
Führung als Enabler statt als Gatekeeper
Die Logik dahinter: Geschwindigkeit entsteht nicht durch mehr Druck, sondern durch weniger Reibung.
🚫 4. Prozesse als technische Schulden
Ein besonders wichtiger Punkt: Viele Prozesse wurden einmal aus guten Gründen eingeführt – meist zur Risikominimierung. Doch selten stellt jemand die Frage, ob sie heute noch sinnvoll sind. Das Ergebnis:
Regelwerke wachsen wie ein Organismus
jede neue Unsicherheit erzeugt neue Kontrolle
und niemand räumt alte Strukturen auf
Organisationen sammeln so über Zeit „prozessuale technische Schulden“.
⚡ 5. Führung bedeutet auch: stoppen
Ein Perspektivwechsel in der Führung: Nicht mehr starten, sondern bewusst stoppen. Die Qualität von Führung zeigt sich daran:
wie viel Komplexität entfernt wird
nicht wie viele Initiativen gestartet werden
Fazit: Mut zum Weglassen in der Führungsriege!
Vielleicht brauchen wir in Deutschland weniger neue Methoden und mehr Mut zur Reduktion.
Mut, Dinge nicht zu regeln?
Mut, Prozesse zu streichen?
Mut, Komplexität auszuhalten, ohne sie sofort zu „lösen“?
Denn manchmal ist die wichtigste Entscheidung nicht, etwas hinzuzufügen – sondern etwas bewusst nicht mehr zu tun. Und vielleicht braucht es genau dafür manchmal einen Blick von außen. Jemanden, der nicht in der gewachsenen Logik gefangen ist und wieder die einfache Frage stellt:
Brauchen wir das wirklich – oder haben wir es nur nie hinterfragt?
Ich suche:
den Austausch mit Fach- und Führungskräften,
die den Mut haben, unternehmerisch zu denken
und Transformation wirklich umzusetzen.
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Bis nächste Woche,
Christoph Lohrer | Dein Transformator


