der Transformator
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In diesem Newsletter reflektiere ich wöchentlich meine Erfahrungen, Erkenntnisse und Impulse aus Digital-, Transformations- und Change-Projekten.
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🗓️ AUSGABE 26
Die vier Evolutionsstufen im Engineering: Warum Deutschlands Industrie sich neu organisieren muss

Foto mit KI generiert
Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von der Transformator:
Die ersten drei Entwicklungsstufen bilden das Fundament für das, was mit Physical AI möglich werden könnte. Simultaneous Engineering brachte die relevanten Fachbereiche frühzeitig zusammen, blieb aber häufig noch stark von Abstimmungen, Gremien und Silos geprägt.
SAFe mit KI-gestützten Tools verschob den Fokus stärker auf crossfunktionale Teams, End-to-End-Verantwortung und schnellere Wertlieferung – auch wenn KI dabei oft noch lokal in einzelnen Tools wirkte.
Digital Thread, MBSE, AI und Hardware DevOps führen diese Entwicklung weiter: Anforderungen, Systemmodelle, Tests, Simulationen, Implementierung und Feedback werden zunehmend miteinander verbunden, sodass Engineering nicht mehr nur abgestimmt, sondern datenbasiert, modellgestützt und kontinuierlich lernfähig wird.
Damit ist die Basis gelegt – zumindest theoretisch. Denn die vierte Entwicklungsstufe führt in einen Bereich, der heute noch nach Zukunftsmusik klingt: Physical AI.
Gemeint sind KI-Systeme, die nicht nur Texte, Bilder oder Daten verarbeiten, sondern physische Zusammenhänge verstehen, simulieren und in Entwicklungsentscheidungen übersetzen können.
Wenn Weltmodelle künftig Maschinen, Materialien, Kräfte, Bewegungen und Produktionsprozesse modellieren, könnte sich Engineering grundlegend verändern.
Teil 4 wirft deshalb bewusst den Blick nach vorne – auf eine mögliche Zukunft, in der KI nicht mehr nur unterstützt, sondern zum virtuellen Entwicklungs- und Simulationspartner industrieller Wertschöpfung wird.
Physical AI – oder die Disruption der deutschen Wirtschaft?
Wenn man die bisherigen Evolutionsstufen verstanden hat, zeichnet sich die weitere Richtung bereits recht deutlich ab. Ähnlich wie bei einem Aktienkurs ließe sich gedanklich eine Trendlinie durch die bisherigen Entwicklungen legen – und daraus ableiten, wohin die Reise vermutlich geht. Natürlich ist die Zukunft nicht exakt prognostizierbar, aber die Stoßrichtung wird erkennbar: mehr Integration, mehr Automatisierung, mehr systemische Transparenz und mehr datenbasierte Entscheidungsunterstützung.
Damit wird auch klarer, welche Hausaufgaben insbesondere viele deutsche Industrieunternehmen noch zu erledigen haben: Silos abbauen, Verantwortung konsequent in crossfunktionale Teams verlagern, Systemmodelle nutzbar machen und KI nicht nur lokal, sondern entlang des gesamten Wertstroms integrieren.
In der letzten Evolutionsstufe möchte ich deshalb eine bewusst zugespitzte Frage aufwerfen: Werden Weltmodelle die nächste große Revolution im Engineering auslösen – und möglicherweise das disruptieren, was wir uns in Deutschland über mehr als 100 Jahre an Qualität, Präzision und Innovationskraft aufgebaut haben?
Physical AI beschreibt KI-Systeme, die nicht nur Sprache, Bilder oder Daten verstehen, sondern auch die physische Welt modellieren, simulieren und darin handeln können. 🌍🤖
Im Zentrum stehen sogenannte Weltmodelle: digitale Modelle, die lernen, wie sich Objekte, Maschinen, Materialien, Kräfte, Bewegungen oder Prozesse in der realen Welt verhalten. Eine solche KI versteht also nicht nur was auf einem Bild zu sehen ist, sondern kann auch abschätzen, was passiert, wenn etwas bewegt, belastet, erwärmt, montiert oder verändert wird. ⚙️
Für das Engineering ist das besonders relevant: Physical AI könnte künftig helfen, Produkte nicht nur zu entwerfen, sondern ihr Verhalten über Mechanik, Elektronik, Software, Thermik und Fertigung hinweg vorherzusagen. Damit würde KI stärker vom Assistenzsystem zum virtuellen Entwicklungs- und Simulationspartner werden. 🧠
„Hat Physical AI – das Potenzial zur Disruption der deutschen Wirtschaft?“
Physical AI
Mein Take:
Der große Unterschied zu klassischen KI-Tools: Physical AI bleibt nicht in einzelnen Tools oder Datensilos stecken. Sie versucht, ein ganzheitliches Verständnis der physischen Realität aufzubauen – also ein „Big Picture“ der technischen Welt.
Ist das noch reine Zukunftsmusik? Vermutlich nicht. Ein Blick über den Atlantik auf ein Projekt mit dem Namen Prometheus deutet darauf hin, dass diese Zukunft möglicherweise näher ist, als viele erwarten. Was heute bereits bekannt ist:
Project Prometheus wird von Jeff Bezos gemeinsam mit Vik Bajaj, einem ehemaligen Google-X-Wissenschaftler, geführt. Das Unternehmen hat bereits sehr hohe Finanzierungszusagen erhalten, obwohl noch kein marktreifes Produkt existiert.
Bezos beschreibt Prometheus ausdrücklich nicht als Robotikunternehmen, sondern als Entwickler eines „Artificial General Engineer“: einer Art universellem digitalen Konstruktionsingenieur.
Ziel ist eine moderne Form von CAD bzw. Engineering-Software, die Ingenieurteams beim Entwurf komplexer physischer Objekte unterstützt.
Anders als viele bisherige KI-Anwendungen, die vor allem Wissensarbeit wie Text, Code oder Bilderzeugung adressieren, fokussiert Prometheus auf industrielle Wertschöpfung: Luft- und Raumfahrt, Automobilbau, Halbleiterfertigung und Wirkstoffentwicklung.
Die zugrunde liegenden Modelle sollen weniger aus Internettexten lernen, sondern aus Experimentaldaten, Engineering-Workflows, Simulationen und physikalischen Interaktionen.
Die Relevanz für Physical AI liegt darin, dass Prometheus KI nicht primär als digitales Assistenzsystem versteht, sondern als Werkzeug zur Gestaltung, Simulation und Optimierung realer physischer Systeme. Damit könnte KI direkt in den Kern industrieller Produktentwicklung eingreifen: Varianten schneller erzeugen, technische Optionen simulieren, Entscheidungen vorbereiten und Entwicklungszyklen massiv verkürzen.
Für Produktentwicklung „Made in Germany“ ist die Entwicklung besonders relevant, weil Deutschlands und Europas Stärke traditionell genau in den Bereichen liegt, die Prometheus adressiert: Engineering-Kompetenz, industrielle Komplexität, Maschinenbau, Automobilindustrie, Mittelstand und tiefes Domänenwissen.
Sollte ein solcher neuer Standard für KI-gestützte Konstruktion entstehen, stellt sich die strategische Frage, ob er aus europäischen Industrie- und Forschungszentren wie Aachen, Stuttgart oder St. Gallen hervorgeht – oder ob deutsche Unternehmen ihn später als fertige Plattform aus den USA beziehen müssen?

Quelle: Pexels
Ausblick:
Prometheus könnte den Engpass industrieller Innovation verschieben – weg von reiner Fertigung hin zur KI-beschleunigten Produktentwicklung. Wer diesen neuen Engineering-Stack kontrolliert, könnte künftig erheblichen Einfluss auf die industrielle Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit haben.
Bei LLM Foundation Models kontrollieren aktuell vor allem die USA die führenden Modelle und Plattformen, während China als zweiter Machtpol stark aufholt.
Deutschland ist stark in Forschung, Industrie und Anwendung, aber nicht führend bei globalen Foundation Models. Bei Weltmodellen und Physical AI setzt sich dieser Trend voraussichtlich fort: USA und China dominieren Plattformen, Modelle, Chips und Skalierung.
Deutschland hat hier aber eine realistischere Chance, eine starke Rolle einzunehmen – wenn es seine industrielle Domänenkompetenz mit eigenen Datenräumen, Digital Twins, MBSE, Hardware DevOps, Robotik-Know-how und souveränen KI-Infrastrukturen verbindet.
Fazit:
Die Zukunft der deutschen Industrie entscheidet sich nicht daran, ob einzelne Unternehmen irgendwo KI einführen. Sie entscheidet sich daran, ob es gelingt, Engineering als vernetztes, lernendes und KI-unterstütztes Wertschöpfungssystem neu zu organisieren.
AI wird dabei nicht nur ein Assistent einzelner Entwickler sein, sondern zunehmend zum Analyse-, Simulations- und Entscheidungspartner ganzer Wertströme.
Gerade bei Physical AI hat Deutschland noch eine echte Chance. Denn Weltmodelle brauchen nicht nur Rechenleistung und Plattformmacht, sondern auch industrielle Realität: Maschinen, Anlagen, Produktionswissen, Materialverständnis, Engineering-Kompetenz, Robotik, Sensorik und Betriebsdaten.
Genau hier liegen deutsche Stärken. Aber diese Stärken müssen digital anschlussfähig werden – über Datenräume, Digital Twins, MBSE, Hardware DevOps und souveräne KI-Infrastrukturen.
Kurz gesagt: Deutschland muss nicht aufhören, Hardware zu können. Es muss lernen, Hardwareentwicklung softwaregetrieben, datenbasiert, KI-unterstützt und organisatorisch schneller zu machen.
Wer diese Transformation ernst nimmt, hat die Chance, die nächste Welle aktiv mitzugestalten. Wer hingegen weiter vor allem bestehende Strukturen optimiert, Kosten senkt und an alten Organisationslogiken festhält, läuft Gefahr, von Plattformen, Weltmodellen und KI-gestützten Engineering-Stacks anderer überrollt zu werden.
In diesem Zusammenhang ist eine Entwicklung besonders bemerkenswert: Jeff Bezos soll einen Fonds mit einem Volumen von rund 100 Milliarden US-Dollar aufgelegt haben, um sich gezielt an relevanten Unternehmen zu beteiligen und sein Weltmodell in realen industriellen Kontexten zu platzieren, zu trainieren und zu erproben.
Sollte sich diese Größenordnung bestätigen, zeigt sie vor allem eines: Der Wettlauf um Physical AI und KI-gestütztes Engineering wird nicht als Experiment am Rand geführt, sondern mit massiver finanzieller Schlagkraft im Zentrum künftiger industrieller Wertschöpfung.
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Bis nächste Woche,
Christoph Lohrer | Dein Transformator


